Zu den Punkten 2b sowie 23 der Themenübersicht:

Kunst. Jenseits von Figuration und klassischer Abstraktion.

"Meine künstlerische Arbeit bewegt sich im Bereich der konkret/konstruktivistischen Gegenwartskunst, wobei auch Entwicklungsgedanken eines M.C. Eschers eine gewisse Rolle spielen.

Im Zentrum meines Schaffens steht die Erzeugung ambivalenter Seherfahrungen. Meine fundierte Ausbildung an der städtischen Werkkunstschule Mannheim als Schüler des bedeutenden Bildhauers Hans Nagel - wir erinnern uns: Von ihm steht zum Beispiel eine große Röhrenplastik in der Auguster-Anlage vor dem Mannheimer Kunstverein -, sowie mein Abschluss als Designer an der im Übergang zur Fachhochschule für Gestaltung Mannheim umgewandelten Institution, bildet das Fundament für mein tiefes Verständnis von Form, Struktur und Raum.

Ich verstehe meine aktuellen Arbeiten als konsequente, innovative Weiterentwicklung des Werkes von Victor Vasarely, in dem ich an seinen Grundformen Kreis und Quadrat ansetze und ihre ganzheitliche Symmetrie aufhebe: Rund ist nicht konsequent Rund, eine Quadratur hat zum Beispiel runde Implikationen.
Gleichwohl bleiben präzise geometrische Strukturen übrig, serielle Rhythmen und kalkulierte Farbdialoge, die die zweidimensionale Bildebenen destabilisieren, aber auch den Blick führen. Es entsteht ein hochgradig amorpher Raum, in dem Vorder- und Hintergrund von Details des Bildes permanent ihre Rollen vertauschen. In letzter Zeit füge ich auch gewisse naturnahe Materialeigenschaften visuell in das Bild ein. Diese rational konstruierte Ordnung schlägt im Moment der Betrachtung in eine kinetische Dynamik um: Statische Formen beginnen zu vibrieren, Räumlichkeiten kippen, und es entsteht eine produktive Irritation des Auges.
Wobei es mir nicht auf Logik und Mathematik ankommt, wie z.B. bei einigen Aspekten der konkret/konstruktivistischen Kunst, sondern um anschauliches Denken, wie man es beispielsweise in den Schriften von Rudolf Arnheim findet. Gleichwohl kann man oft einer linearen Dreh-Logik der Formen folgen, die aber von den dynamischen Rückkoppelungen innerhalb des Bildraumes dominiert werden.

Grundsätzlich kann man natürlich ein ausgereiftes Werk von Victor Vasarely, das die erste Moderne um die Jahrhundertwende, mit der zweiten nach dem zweiten Weltkrieg genialisch zu verbinden wusste und das ein weltweites Echo fand, nicht "übertreffen". Aber man kann, so wie ich, ausgehend von einer grundlegenden Analyse seines Werks, versuchen ein eigenständisches Werk zu schaffen. Zu was anderes sollte die Kunstgeschichte für Künstler*innen auch zu Nutzen sein? Künstler*innen versuchten in der abendländischen Kunst schon immer Gedanken von Vorgänger*innen in der Kunst aufzugreifen, um sie für das eigene Werk fruchtbar zu machen.  So finden sich bei mir auch Entwicklungsgedanken, die im Werk von M. C. Escher eine Rolle spielen. 

Diese Erforschung der visuellen Wahrnehmung bildet auch den Kern meines Kunstbuches mit dem Titel “Kunst. Jenseits von Figuration und klassischer Abstraktion”. (2025) und knüpft formal an meine Nominierung für den internationalen André-Evard-Preis (2013) an. Die Präsentation meiner Werke zielt darauf ab, den Betrachter aktiv in den Wahrnehmungsprozess einzubinden und die vermeintliche Eindeutigkeit des Sehens radikal infrage zu stellen.
Der Sinn für Mehrdeutigkeit, Paradoxes, Differenz und Dissonanz wirkt dem fatalen, weit verbreiteten Hang nach rigoroser Vereindeutigung komplexer Sachverhalte entgegen und ist heute, aber vor allem zukünftig wichtiger denn je, will die Menschheit das Leben an sich, sowie nicht zuletzt aber auch ihr eigenes Überleben angesichts der längst beginnenden Umweltkatastrophen auf der Erde zu sichern. Das Ausweichen auf andere Planeten aufgrund der durch eigenes Verschulden ungemütlich werdenden Erde, mit ihrer unkalkulierbaren, furchtbaren Wetterkapriolen, die schon viele Opfer forderten, ist keine Alternative. Höchstens zu Zwecken der Forschung ist das angesagt, aber keine Alternative zur Dekarbonisierung der Umwelt. Gleichwohl: Es darf geträumt werden!"

Norbert Ernst Herrmann

fertiggestellt im September 2026