Der Autor Norbert Ernst Herrmann beginnt sein Buch (auf Seite 14) mit einem

"Einstieg.

Dieses Buch handelt von meiner Kunst, ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung. Ein Ende ist nicht absehbar. Für mich nicht. Sie handelt von Anfang an von Gegenwart. Einer Gegenwart, die im Schreibprozess nun Vergangenheit ist, die aber als Vergangenheit in die Zukunft wirkt, nicht zuletzt durch dieses Buch beflügelt.

Doch auch jedes Bild, das in meinem Atelier entstanden ist und entsteht, hat als zweidimensionales Medium in der Rezeption immer Gegenwart und dies in allen möglichen Zukünften. Das ist die Eigenart der Kategorie "Bildende Kunst", dass sie immer in der Gegenwart wirkt, was auch die dritte Dimension, etwa des Reliefs, die Plastik oder Skulptur einschließt. Im Gegensatz etwa zu den Medien des Films oder des Buches, welche nur in der zeitlichen Abfolge ihren Gehalt offenbaren. So auch dieses Buch.

In meiner Kunst spielt die Beziehung von Figur und Grund eine zentrale Rolle. Das kommt daher, weil ich vom Zeichnen und Malen herkomme. In vielen Atelierkursen habe ich, neben meiner Tätigkeit als Maler und Designer, Laien und jungen Leuten, die Kunst oder Design studieren wollten, vom ersten Strich an mit dem Bleistift oder Pinsel beigebracht, wie wichtig die Beziehung zwischen Figur und Grund sich im zweidimensionalen Medium darstellt. Oft nicht explizit theoretisch, weil sich im zeichnerischen und malerischen Prozess gewissermaßen ganz organisch eine fortwährende "Hin-und-Her-Bewegung" zwischen Vordergrund und Hintergrund der Darstellung mittels der Hand, die Stift oder Pinsel führt, herstellt. Doch geschärft hat dieser Zusammenhang meinen Blick schon. Nicht zuletzt durch Kenntnisse meines theoretischen Studiums, das sich an das Kunststudium anschloss, konnte ich im Atelierunterricht dieser Ursprünglichkeit der künstlerischen Erfahrung, die nötige Richtung geben. 

Wir bewegen uns in einer Welt radikaler Umbrüche und Kriege, die viele Krisen mit sich bringen. Der Begriff der Krise, den wir von den alten Griechen her kennen, hat, wie der in diesem Jahr verstorbene Oskar Negt feststellt, eine doppelsinnige Bedeutung: "Krisis bedeutet einerseits trennen, scheiden, also entmischen, was nicht zusammengehört; andererseits entscheiden, urteilen, bis hin zur Figur des Richters, der etwas zur Entscheidung bringt." (1)

Fake News und Verschwörungstheorien, die um die Welt geistern, weisen darauf hin, dass wir uns längst in einer Krise der Wahrheit (2) befinden. Doch "was wahr ist und wirklich, was tatsächlich existiert, was unwahr und unwirklich, was es nur scheinbar gibt - diese Unterscheidung gehört zur conditio humana, zur grundlegenden Ausrichtung unserer Daseins. Doch so klar, wie der Unterschied von wahr und falsch in der Theorie auch sein mag, so vieldeutig wird er in der Praxis."(3) In der Tat: Um Wahrheitsfragen wurde schon immer gerungen. 

Wie tief dieser Modus der Entscheidungsfindung in unseren Alltag integriert ist, hat der französische Soziologe Henri Lefebvre mit seinem luziden Ambivalenzbegriff in seiner Kritik des Alltagslebens (4) herausgearbeitet. Nicht zuletzt durch Rudolf Arnheims Kunst und Sehen sowie Anschauliches Denken (5), eröffneten sich für mich in der Auseinandersetzung mit Vorläufern in der Kunst - nicht zuletzt der Kippformen eines Victor Vasaraly - praktische Möglichkeitsräume, um einen innovativen Darstellungsbegriff für visuelle Ambivalenz zu entwickeln, der meine künstlerischen Intuitionen bis heute beflügelt. 

Grundsätzlich sind alle Bilder, die abgebildet sind erwerbbar, außer den speziell  gekennzeichneten Werken, die sich im Privatbesitz befinden. Auch zeige ich hier Bilder, welche aus meinem Fundus von Entwürfen kommen, die noch nicht gemalt oder gedruckt wurden. Wer sich dafür interessiert, sollte Kontakt mit meinem Atelier aufnehmen. 

Dieses Buch ist keine Autobiografie, dennoch ist es unvermeidbar, dass viele Aspekte des Textes autobiografisch grundiert sind. In dem vorletzten Kapitel des Buches gebe ich über einige wichtige Stationen meines gewiss wechselvollen bisherigen Lebens Auskunft, die für meine Kunst prägend sind." 

Norbert Ernst Herrmann, 

im November 2024 

 

Anmerkungen:

(1) Oskar Negt, "Gegen den autoritären Kältestrom: Lernen wir utopisch zu handeln." In

"Blätter für deutsche und internationale Politik", 3/24, Seite 115ff

(2) Peter Trawny, "Krise der Wahrheit", Frankfurt am Main 2021 

(3) ebenda, Seite 10

(4)Henri Lefebvre, "Kritik des Alltagslebens", drei Bände, München 1975

(5) Rudolf Arnheim, "Kunst und Sehen, eine Psychologie des schöpferischen Auges", 1954;

"Anschauliches Denken, zur Einheit von Bild und Begriff", Köln 1977