Die Lesung des bildenden Künstlers und Autors Norbert Ernst Herrmann

seines Buches: "Kunst. Jenseits von Figuration und klassischer Abstraktion" fand in Neustadt an der Weinstraße, am 25. August 2026 um 18.30 Uhr im Lokal "Café Schwarze Katz" - wie auch in der Rheinpfalz angekündigt - statt. Es war nicht nur eine Veranstaltung, wo ein Autor aus seinem Buch liest, um es zu verkaufen. Der Autor will sein Buch natürlich auch verkaufen, hielt aber damit verbunden einen Vortrag über Aspekte der Kunst überhaupt, seines Werdegangs und seiner Kunst, wobei natürlich Passagen seines Buches, auch über zeitgeschichtliche Zusammenhänge - auch Fragen der Wahrheit im Zeitalter der Fak-News - explizit vorkommen. ( Siehe unten )

Plakatgestaltung: Norbert Ernst Herrmann

Eigentlich hätte man denken können, dass am 25. August  in unseren Breitengraden ein so schönes Wetter gewesen wäre, wie hier auf dem Foto vor ein paar Jahren in dem schönen Lokal "Café Schwarze Katz", doch die beginnende Klimakatastrophe, deren Charakteristikum nicht einfach "Erhitzung" zu sein scheint - das auch, ein paar Tage zuvor waren es tagsüber 37 Grad Celsius! - , sondern untypische, wettermäßige Katastrophen - auf jeden Fall: Kapriolen. Und so war es für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt und regnerisch an diesem Tag -  die Lesung musste in das Innere des Lokals verlegt werden. Eigentlich war vorgesehen, dass der Autor mit Mikrophon, die in der Regel sehr zahlreich in dieser "Künstlerstraße" flanierenden Leute, anspricht. Und auch den Text seiner Lesung (siehe weiter unten) im Freien behandelt. Daraus wurde nichts. 

Statt dessen war alles ziemlich trist. Lediglich eine Fahne (links im Bild) und ein doppelseitiger Plakataufsteller kündeten am Dienstag, den 25. August vor dem Lokal, von der bevorstehender Lesung abends um 18.30 Uhr. Es regnete leicht und mancher Passant (hier nicht im Bild) eilte gebückt und oft kaputzenbewehrt am Lokal vorbei, ohne links und rechts zu schauen. 

Im Inneren des Lokals wurde vom leicht nervösen Autor und seiner fleißigen Frau der Raum mit einigen Bildern des Künstlers versehen und alles Notwendige hergerichtet. Die anwesende Eigentümerin des Cafés, sowie die extra für die Veranstaltung für diese Zeit beorderte Bedienung, die auch beide mit anpackten, fragten bang: "Wieviel werden da heute kommen?" Ja, das fragten sich nicht nur sie...,

...doch die berechtigte Sorge verflog - der Raum war binnen kürzester Zeit voller Menschen...

...und alle warteten gespannt auf die Worte des mit seinem Mikrophon ausgestatteten Künstlers Norbert Ernst Herrmann (hier im Foto stehend, daneben sitzend seine Frau Gretel Kawohl-Herrmann.)

Sehen Sie im Folgenden in loser Abfolge Fotos der Veranstaltung, die gemessen an den berechtigten Befürchtungen, dass die Lesung im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt, ein voller Erfolg war. Vor und nach der Lesung spielte die Rock und Beatgruppe "Dessert Now" - Instagram: desertnow24 -angenehme Töne. Eine gewiss schöne Veranstaltung. (Achtung Handy-Benutzer*innen: Die Fotos der Abfolge nicht vergrößern, das stört die automatische Abfolge)

Besonders freute sich der Autor, dass die über 90jährige Künstlerin Erika Glos - aktuelle Kunstpreisträgerin der Stadt Kaiserslautern - mit ihrem Kommen  ihm die Ehre gab und extra eine wichtige Sitzung deshalb saußen ließ, wie sie sagte. ( Hier sitzend an der Wand ) Dafür umarmte der Autor sie innig. 


Hier zum Text, des der Autors (mit geringfügigen Einfügungen hier nachträglich):

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freund*innen der Kunst,

mein Buch heißt. “Kunst. Jenseits von Figuration und klassischer Abstraktion.” Diesen Titel habe ich mit Bedacht gewählt: Figuration stellt Menschen, Lebewesen, Pflanzen oder Dinge dar. Das überlasse ich in meiner Kunst im Prinzip bis dato anderen. Ausnahmen gibt es. In letzter Zeit füge ich auch gewisse naturnahe Materialeigenschaften visuell in das Bild ein. Als Designer stelle ich natürlich alles dar, was notwendig ist. Wer Arbeiten von mir im Bereich des Designs, zu dem ich auch Porträts zähle, sehen will, kann auf meinen Internetseiten fündig werden.

Der zweite Teil des Titels meines Buches: “Klassische Abstraktion” ist vielleicht erklärungsbedürftig. Ein guter Freund erkannte richtig, dass sich dieser Begriff auch auf zum Beispiel das bekannte Bild von Picasso “Guernica” beziehen kann. Er meinte dann, dass im Vergleich mit diesem Bild meine Kunst nicht so doll sei. Diesen Vergleich fand ich nicht so passend, zumal im Buch eine Lobeshymne von ihm auf meine Kunst abgedruckt ist. Seit “Guernica” - ein Werk das ich sehr liebe - sind künstlerische, zeitgeschichtliche und auch politische Fragestellungen aber weiter gegangen (die Kunstgeschichte hat nicht aufgehört), künstlerische Fragestellungen ändern sich auch laufend und sind halt auch umstritten, das gehört zur Freiheit der Kunst hinzu. Freunde sind wir nach dieser etwas schiefen Kritik meines langjährigen Freundes trotzdem geblieben, obwohl mich sein Sinneswandel interessieren würde. Dazu wird er sich vielleicht äußern. Bei ihm weiß man das nie... 

Das was Picasso machte, lernt man im Prinzip im Kunst und Designstudium: Ausgehend von der figürlichen Darstellung wird immer mehr vereinfacht, bis vielleicht nur ein paar Striche übrig bleiben - das Figürliche ist aber oft (nicht immer!) - wie bei Picassos “Guernica” - erkennbar. Seine wunderbare, lineare Taube als Friedenszeichen kennen wir fast alle. Sie ist von ähnlicher Machart.

Meine Vorgehensweise ist anders. Ich beziehe mich auf die Grundformen Kreis und Quadrat als Abstraktum. Die kulturgeschichtlichen Bedeutungen von Kreis und Quadrat, auch in der Mathematik, sind von alters her bekannt. Darauf gehe ich hier nicht ein. Fast jeder Mensch ist in Ausbildung und Beruf damit auf die eine oder andere Weise in Kontakt gekommen. Ich schildere im Buch, wie ich durch die Analyse des Werks von Victor Vasarely, des Begründers der “Optical Art”- er schuf beeindruckende, ambivalente Seh-Formen und auch dreidimensionale Werke - darauf kam, dass ich an den Grundformen ansetzen muss, um ein eigenständiges, künstlerische Werk zu entwickeln.

Meine Vermutung war: Alles andere hätte mich als Künstler in ein Epigonentum zu Vasarely gebracht. Die vielen ähnliche Werke der Optical-Art legen davon Zeugnis ab. Natürlich sind nicht alle epigonal. Die Eigenart von Kunst-Stilen ist es im Prinzip, dem individuellen, künstlerischen Schaffen einen übergeordneten Deutungsrahmenrahmen zu geben. Das ist bei allen Kunststilen so. Mir war jedenfalls die Gefahr des Epigonentums bewusst. Etwas Anderes schwebte mir vor. Nicht zuletzt beflügelt durch das Kunststudium - ich war Schüler des bedeutenden Bildhauers Hans Nagel - von ihm steht zum Beispiel eine große Röhrenplastik auf der Höhe des Mannheimer Kunstvereins - der mich in meinen Ideen sehr bestärkte. Leider verstarb er früh.

Ich verlege die visuelle Ambivalenz in die Grundformen selbst. Ihre Symmetrie hob ich auf, so dass ein Teil des jeweiligen Hintergrundes von Kreis und Quadrat gewissermaßen in die Formen selbst gerät: Rund ist nicht konsequent Rund, eine Quadratur hat zum Beispiel runde Implikationen. Sie werden dadurch zu anderen, visuell fragilen Formen. Der Dreiviertelkreis etwa, ist vielen Leuten von den Anfängen der Computerei bekannt, wo er als gefräßiges Ungeheuer durch die Bildschirme geisterte und alles Mögliche verschluckte. Das Phänomen kannte ich damals überhaupt nicht, weil meine Computerarbeit erst später anfing. Ich arbeitete damals noch vorwiegend im eigenen Fotolabor, wo auch die ersten Arbeiten mit meiner neuen Methode entstanden. Im Buch zeige ich auf Seite 33 einen Haufen Dreiviertelkreise, die später praktisch in Form von ausgeschnittenen Farbpapier-Collagen in einen gewissen Ordnungszusammenhang gebracht wurden. In späteren Malereien erkundete ich die Wirksamkeit des Umschlagens der Figur/Grund-Beziehung in diesem Medium.

Mir ging es um eine gestalterische, analytische Kategorie, die eine ästhetische Dimension gewinnen sollte. In vielen Ausstellungen sind deren Ergebnisse bisher öffentlich geworden. Auch auf der Art Karlsruhe stellte ich mit der Galerie mBeck 2020, kurz vor den einschneidenden Maßnahmen der Corona-Epidemie einige Werke aus. Am schönsten brachte es unsere hier anwesende, hochbetagten Künstlerfreundin Erika Klos aus Kaiserslautern bei ihrer Einführungsrede einer Einzelausstellung viele meiner Bilder im Künstlerhaus Schirnding auf den Punkt:
(Zitat aus dem Buch Seite 82) “Im Gegensatz zu Vasarely seien nicht lediglich Wahrnehmungstäuschungen als Augenreize Programm, sondern echte, wenngleich illusionistische Ebenen der Wahrnehmung zwischen Vordergrund und Hintergrund, die in der Vervielfachung gegensätzliche Seh-Eindrücke erzeugen, welche durch eine paradoxe Schattengebung ambivalente Wahrnehmungen ergeben würden. Man wisse im Detail nie, was ist nun Vordergrund, doch gleich wird mit wanderndem Blick auf dem Bild, dieser wieder zum Hintergrund und umgekehrt.” (Zitatende)

Das hatte sie wunderbar erkannt und auch völlig richtig auf unser Zeitgeschehen bezogen, interpretiert. Der Wahrheitsbegriff selbst ist ins Wanken gekommen. Durch den aktuellen, psychopathisch anmutenden amerikanischen Präsidenten - er findet leider Nachahmer auf der ganzen Welt - sind Fake-News im wahrsten Sinne leibhaftig geworden. Doch machen wir uns nichts vor: Was wahr ist und was nicht - darüber wurde in der Menschheitsgeschichte schon immer gestritten und auch in furchtbaren Kriegen - aktuell auf unserem europäischen Kontinent, in Nahost, dem Irankrieg oder dem Sudan, auch in vielen Bürgerkriegen der Welt - bis heute gefochten, gelitten und gestorben.

Zurück zur Kunst: Auch ambivalente Seh-Erfahrungen und entsprechende Interpretationen sind seit jeher Bestandteil der abendländischen Kunst über die Jahrhunderte hinweg. In der Moderne sowieso. In meinem Buch habe ich auch einen Essay von mir über das Geschmacksurteil aufgenommen, wo ich anhand einiger Beispiele zeige, wie sich die Interpretation von Kunst im Laufe der Zeit im allgemeinen Sinne veränderte. Im Buch schreibe ich auf Seite 71: (Zitat) “Das letzte Beispiel bezieht sich auf den Maler August Macke. Er stellte kurz vor dem ersten Weltkrieg, in dem er leider umkam, zum ersten Mal seine wunderschönen, expressiven Bilder von flanierenden Menschen aus. Nicht wenige Menschen reagierten entsetzt, weil an jenen Stellen der Darstellung, wo man Gesichter vermuten würde, lediglich Farbflecken zu sehen sind. Dies wurde damals von Vielen als leer und tot empfunden. Das ist eine Interpretation, der man heute wohl kaum mehr folgen würde. Denn nach mehr als einem Jahrhundert der Abstraktion in Kunst, Design und Kultur würde man heute in solchen Darstellungen eher die schwebende Eleganz des Flanierens an sich sehen. Man fände das überwiegend schön und treffend im Ausdruck, vielleicht für zeitgenössische, avancierte Kunst wohl schon wieder etwas zu schön.” (Zitatende) Wie auch immer, mein Bestreben ist: Der Sinn für Mehrdeutigkeit, Paradoxes, Differenz und Dissonanz wirkt dem fatalen, weit verbreiteten Hang nach rigoroser, willkürlicher Vereindeutigung komplexer Sachverhalte entgegen und ist sowohl heute, als auch in Zukunft wichtig. Diesem Sinn versucht meine Kunst Ausdruck zu geben und mein Buch spricht davon, wie es dazu kam und hoffentlich weiter kommen wird.

Dass im Buch in diesem Zusammenhang auch autobiografischer Aspekte zur Sprache kommen, die auch zeitgeschichtlich interessant sein können, ist selbstverständlich. Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum. So ist zum Beispiel auf Seite 16 im Buch über die Ausstellung von uns Kunststudenten - ein Freiberufler war auch dabei - in der selbstbetriebenen “Werkstattgalerie” in Mannheim - das war etwa Anfang der siebziger Jahre - über einen Artikel im Mannheimer Morgen zu lesen:
(Zitat) “Typisch für die politisch umkämpfte Zeit in der BRD damals war, dass in dem Artikel über die Ausstellungseröffnung meine Grafiken zwar extra positiv besprochen wurden, aber ohne Erwähnung blieb, dass über Passepartout und untere Teile der Grafiken, mit einem großen Linolstempel gedruckt zu lesen stand: “Gegen das Einreiseverbot von Ernest Mandel!” Dem belgischen, marxistischen Ökonomen und Vertreter der 4. Internationale entzog Innenminister Genscher nämlich damals die Einreiseerlaubnis. Vorträge von Mandel an Universitäten und anderen Institutionen mussten abgesagt werden. Ein Skandal!” (Zitatende)
Ein Vorgang, der sich heute auf ähnliche Weise staatlicherseits im Zusammenhang der deutschen Staatsräson mit Israel zu vollziehen scheint, was darauf hinweist, dass wir heute wahrscheinlich in ähnlich turbulenten Zeiten zu leben scheinen, wie damals. Wie auch immer, ich schrieb im Buch zum Abschluss dieses Vorgangs:
(Zitat)“Ich kann nur vermuten, dass der Journalist oder die Journalistin, die den kleinen Artikel schrieb, es einerseits klasse fand, dass Kunststudenten eine eigene Galerie eröffneten - das war ein Novum, jedenfalls ungewöhnlich - mir bzw. uns andererseits aber auch nicht schaden wollte. So ließ Er oder Sie das aktuelle Politikum meiner Grafiken einfach unerwähnt. Außerdem hätte sonst womöglich die damals wahrscheinlich überwiegend opportunistische oder gar reaktionäre Redaktion ihn wohl nicht zum Druck freigegeben. Wer weiß? Uns war das völlig egal, wir freuten uns und feierten ausgelassen. Nicht zuletzt verzeichnete ich damals die ersten Verkäufe (mit Stempel), was dem Selbstbewusstsein gewiss nicht schadete.” (Zitatende)

Auf Seite 30 schreibe ich über eine Überraschung: (Zitat) “Mein drittes Atelier sowie der Wohnort von meiner Frau und mir liegt heute im schönen, tiefen Pfälzer Wald. Das ist vielleicht etwas ab vom Schuss, doch Kaiserslautern ist nicht weit und auch Neustadt an der Weinstraße ist relativ schnell zu erreichen. Meine Frau fuhr fast jeden Tag bis zu ihrer Verrentung sogar noch weiter, - sie unterrichtete als Studienrätin an einem privaten Gymnasium in Mannheim.
In den Schulferien fuhren wir oft nach Spanien, weil die Mutter meiner Frau dort lebte. Ich prüfte jeden Tag meine E-Mails auf Anfragen von potentiellen Auftraggeber*innen, oder Nachrichten von mir wichtigen Menschen. Da entdeckte ich eine Meldung, die mich total überraschte: Die Nachricht besagte, ich sei für einen internationalen Kunstpreis nominiert! Erst dachte ich, das wäre ein Scherz oder das Werk übler Gestalten, was in Kunstkreisen leider nicht selten vorkommt. Doch dann erinnerte ich mich: Irgendwann war ich einmal einem Aufruf gefolgt und hatte das Foto eines Werkes von mir an eine Kunsthalle in Riegel geschickt (wo liegt Riegel?), die mir unbekannt war. Die Sache hatte ich schon wieder vergessen. Beinahe hätte ich die Meldung gelöscht. Doch nun ging mir ein Licht auf - das war unglaublich! Die Recherche ergab, dass diese Meldung kein Fake war. Ein Bild von mir wurde tatsächlich zum 3. Internationalen Andre´Evard-Preis für konkret-konstruktivistische Kunst nominiert. (...) Der Preis war mit 10 000 Euro Preisgeld dotiert. Nicht schlecht! Ich sagte mein bzw unser Kommen zu. (...)

Dr. Christopher Naumann, einstmaliger Kunsthistoriker der Galerie mBeck aus dem Saarland, bei der ich, wie schon erwähnt, oft ausstellte, schrieb im Vorwort des Katalogs der Ausstellung Allianzen, zu der ich auch einige Bilder beitrug: “Seit 1937 gibt es auch eine Künstlergruppe, die sich “allianz” nennt, gegründet von Richard Paul Lohes und Leo Leuppi in der Schweiz.(...) Hier waren neben den Begründern der Gruppe Max Bill und Andre´Evard prägend.” Das waren also keine Niemande in der Kunst. Und wie der Leiter der Kunsthalle Messmer im Vorwort des Prospektes zur Ausstellung schrieb, hatten sich rund 700 Künstler*innen aus 35 Ländern um den Preis beworben. Und ich war unter den rund 90 Kollegas (spanisch gesprochen), die mit einem Werk für die Ausstellung und Prämierung eingeladen wurden? Unglaublich! Ich glaubte, mir träumte.” (Zitatende.)

Und natürlich war die Ausstellung und der Aufenthalt in Riegel toll. Ein Japaner hat gewonnen: Tutsuhi Kawanabe, der irgendwo in Deutschland Kunst studierte, auch anwesend war und in Japan lebt. Wir gratulierten artig. Jeder hätte gern den Preis gewonnen. Ich auch. Zum Abschluss dieses Vorgangs schreibe ich auf Seite 30: (Zitat) “Mir war dieser Aufenthalt - zu dem auch einige unserer Freund*innen kamen - vor allem wichtig, wegen des Kontaktes zu den vielen anderen Kunstschaffenden, eben weil sie aus aller Welt kamen. Durch die glänzende und unermüdliche (für sie sehr ermüdende) Übersetzungsleistung meiner Frau in Englisch und Französisch konnte ich auch mit vielen von ihnen sprechen und ihre Weltanschauung kennenlernen. Bei uns in Deutschland spielt die konstruktivistische Kunst in den letzten Jahrzehnte gegenüber den eher spontaneistischen oder aktivistischen Kunstformen eine eher untergeordnete Rolle. Da tat es gut, viele Kunstschaffende aus aller Welt kennenzulernen und ihre Kunst zu diskutieren, was auf jeweils beiderseitiges Interesse stieß. Es war Hochsommer und in dem weitläufigen Gelände der Kunsthalle wurde bis nachts gefeiert. Bei den Abendessen in Lokalen und im Hotel ging das weiter. Hier habe ich wichtige Kontakte geknüft und vorallem neue Zuversicht geschöpft. Denn das braucht man im Leben.” (Zitatende) Ich möchte hinzufügen: Nicht nur in der Kunst! Das war im Jahr 2013.

Zeitgeschichtlich interessante Aspekte, werden von mir im Buch nicht ausgespart. Auf Seite 20f schreibe ich (Zitat): “Meine Heidelberger Zeit war für mich prägend, und das in jeder Hinsicht. Durch das Studium der Erziehungswissenschaften und Psychologie bekam ich profunde Einblicke in das menschliche Dasein. Das Studium verdiente ich mir erst beim Jugendamt Mannheim durch die Arbeit mit Kindern in einem Obdachlosengebiet (Benzbaracken), später mit einer Stelle im Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim als Nachtwache. Da ich als anerkannter Kriegsdienstverweigerer Zivildienst in der Nervenheilanstalt Alzey absolviert hatte, war ich dafür bestens geeignet. Diese Zeit ermöglichte mir, meinen theoretischen Einsichten eine praktische Dimension zu geben, was auch meiner Kunst nicht schadete. (...) Heidelberg war in den siebziger Jahren politisch heiß umkämpft. Es gab (...) jede Menge Straßenschlachten mit der Polizei, die berühmten Straßenbahn-Demos. Ich war daran beteiligt, das war Ehrensache, denn natürlich war ich in linken Gruppen aktiv, die auch bald den AStA stellten (Linke Liste).” (Zitatende.) Im Weiteren schildere ich Aspekte des Studienalltags und das abendliche Treffen in einem Szene-Lokal. (Zitat) “Da wurde dann oft heftig diskutiert, aber auch mächtig gefeiert. Dort lernte ich auch meine Frau kennen, wir heirateten 1983, das war damals in linken Kreisen noch verpönt. (Man heiratete meist heimlich.) Wir veranstalteten ein großes Fest in der Brückenstraße, wo auch mein erstes Atelier in Heidelberg entstand.” (Zitatende)

Auf der Rückseite des Buches widerspreche ich dem Ausspruch des 2014 verstorbenen amerikanischen Künstlers Frank Stella, der einst einen Stilwechsel seiner Kunst damit begründete, dass die Figur/Grundbeziehung in der Kunst passé sei. Warum kann diese Beziehung nicht passé sein, frage ich? Und gebe die Antwort: Weil diese Beziehung vermutlich ein universales, wenn nicht  jedenfalls planetarisches Prinzip der Existenz des Lebens, der visuellen - aber auch anderer - Wahrnehmungsformen die es in der Welt gibt - und somit auch unseres Denkens, zu sein scheint. Im Buch begründe ich meine Auffassung davon ausführlich. Zum Beispiel könnte ein Frosch ohne der Wirksamkeit des Prinzips von Figur und Grund schwerlich mit seiner blitzschnell vorschießenden Zunge eine Fliege treffen, die auf einem Blatt sitzt. Er muss optisch die Fliege als Figur vom Hintergrund des Blattes exakt trennen können, um sein Ziel zu treffen. Ebenso sind wir angehalten, bei allem was wir tun das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Ich schreibe weiter auf der Rückseite des Buches (Zitat) “Letztendlich tun wir etwas Bestimmtes, oder etwas Anderes, oder lassen beides, was aber auch ein Tun ist. Tun und Lassen wirken sich - wie auch immer - im Raum unserer individuellen und kollektiven Möglichkeiten des Verhaltens aus. Die Grenzen, denen meine Kunst Ausdruck zu geben versucht, kann uns zeigen, diesen Zusammenhang zu verstehen.” (Zitatende)

Mit dem Vorwort des hier anwesenden Physikers Rainer Matthes - den meine Frau und ich auf einer Fete zufällig kennenlernten und der sich für meine Kunst interessierte - ist mir glücklicherweise ein Clou gelungen. Üblicherweise gewinnen Künstler*innen, wenn sie sich dran machen ein Buch zu verfassen, möglichst promovierte Kunsthistoriker*innen für ein Vorwort, die wissen dann die gezeigte Kunst adäquat kunsthistorisch einzuordnen, was in meinem Fall in jedem Falle möglich ist. Doch einen Physiker zu gewinnen, der aufgrund der Forschung Ähnlichkeiten zu meinen künstlerischen Intuitionen feststellte, fand ich berauschend und ungemein lehrreich. Wer weiß schon, was die Kristallografie macht und warum? Das alles kann man im Vorwort im Detail nachvollziehen. Dafür danke ich Reiner Matthes herzlich.

In meinem Buch, das ich nicht nur schrieb, sondern auch gestaltete, mit dem Titel “Kunst. Jenseits von Figuration und klassischer Abstraktion”, das mein Atelier - das heißt Wir! - finanzierte, weil ich mir von keinem Verlag irgendwelche Vorschriften machen lassen wollte - und ich schließlich auch  meine Kunst vorfinanziere, egal ob gemalt oder gedruckt - ist von Kunst, ihrer Entstehung und auch ihrer Öffentlichwerdung die  Rede. Ein Prozess, der nicht abgeschlossen ist.

Ich wünsche allen, die mein Buch lesen, ähnliche Freuden, wie die der Regisseurin Lih Janowitz, die mich mit ihren wunderbaren, anerkennenden  Worten überraschte, über die ich mich sehr freute. Und die mir erlaubte, mit ihren ausdrucksvollen Aussagen Werbung für mein Buch machen zu dürfen. Leider ist sie verhindert - sie wollte hier anwesend sein. 
Und nun danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, stehe ihren Fragen zur Verfügung, signiere, wenn sie das wünschen auch mein Buch, und wünsche ihnen noch weiterhin einen schönen Abend. 
                                                                           

Norbert Ernst Herrmann, Neustadt an der Weinstraße, 25.08.2026

Die Fotos stammen von Gretel Kawohl-Herrmann, Norbert Ernst Herrmann und Elisabeth Kastner